
Deutschlandtour – Von Nord nach Süd
Einmal quer durch Deutschland. Vom nördlichsten Landpunkt bis an die letzte offiziell befahrbare Spitze im Süden. Wo immer es geht, unter Vermeidung von Schnellstraßen und Autobahnen.
AllgäuMotorradregion Allgäu23 Strecken · 6 Pässe
Der Motorrad-Guide im Allgäu: die besten Strecken, Touren, Streckensperrungen, Sehenswürdigkeiten und Anreise.
Das Allgäu liegt im äußersten Südwesten Bayerns und reicht mit seinem württembergischen Teil über die Landesgrenze; nach Süden stößt es an die österreichischen Länder Tirol und Vorarlberg. Zwischen dem hügeligen Voralpenland um Kempten und den schroffen Kalk- und Nagelfluhbergen über Oberstdorf liegen keine hundert Kilometer – und genau dieser kurze Übergang vom Moränenland in die Hochalpen macht die Region als Motorradrevier aus. Die Iller zieht als Leitachse aus den Bergen nach Norden, ihr folgen die wichtigsten Talstraßen. Wer hier fährt, wechselt an einem Vormittag von weit ausschwingenden Landstraßen über sanfte Kuppen in enge, hochgelegene Rampen.

Das Rückgrat des Reviers ist die Deutsche Alpenstraße, die auf rund 484 Kilometern von Lindau am Bodensee bis nach Schönau am Königssee führt und im Allgäu aus Bundesstraßen wie der B308 und der B310 zusammengesetzt ist. Ihr Allgäuer Abschnitt reiht Oberstaufen, Immenstadt, Bad Hindelang, Oberjoch, Nesselwang, Füssen und Schwangau aneinander. Die Route bleibt selten lange geradeaus: Sie folgt den Tälern, klettert über Sättel und öffnet immer wieder den Blick auf den Alpenrand. Die Idee zu dieser Ferienstraße reicht bis 1927 zurück, ihre heutige Linienführung erhielt sie in den 1930er-Jahren.
Das bekannteste Teilstück ist die Jochstraße hinauf zum Oberjochpass auf 1178 Metern. Zwischen Bad Hindelang und Oberjoch überwindet sie rund 300 Höhenmeter mit 106 Kurven – eine dichte Kehrenfolge, die den Charakter der Alpenstraße auf engem Raum bündelt. Wer sie sauber fährt, hat den Rhythmus des Reviers verstanden: bergauf im zweiten und dritten Gang, den Blick weit in die nächste Kehre gelegt. Oben öffnet sich das Hochtal, und die B308 läuft weiter zur Grenze.
Die anspruchsvollste Rampe steht abseits der Alpenstraße. Der Riedbergpass zwischen Obermaiselstein und Balderschwang ist der höchste mit dem Kraftfahrzeug befahrbare Gebirgspass Deutschlands. Der höchste Punkt der Straße liegt bei rund 1406 Metern, die Passhöhe an der Wasserscheide bei 1342 Metern. Obermaiselstein liegt auf 849, Balderschwang auf 1044 Metern – diesen Höhengewinn arbeiten beide Rampen in kurzen, steilen Serpentinen mit bis zu 16 Prozent Steigung ab. Bei Nässe oder Herbstlaub verlangt das saubere Gasdosierung statt Übermut.

Nach Süden ist die Grenze nie weit. Über den Oberjochpass fällt die Straße ins Tannheimer Tal in Tirol, ein Hochtal auf rund 1100 Metern, das sich zu Runden über österreichisches Gebiet verbinden lässt; weitere Übergänge wie der Gaichtpass knüpfen es an die Nachbartäler. In Österreich gilt außerorts für Motorräder Tempo 100, auf Autobahnen und Schnellstraßen besteht Vignettenpflicht. Die Landes- und Passstraßen im Tannheimer Tal sind vignettenfrei; die Schleife über den Pass und zurück kostet also nichts extra.
Landschaftlich teilt sich das Revier in zwei Zonen. Im Norden und Westen das grüne, von eiszeitlichen Moränen gewellte Voralpenland um Kempten – die Stadt an der Iller, die als römisches Cambodunum zu den ältesten Städten Deutschlands zählt und schon vom antiken Geografen Strabon erwähnt wurde. Hier liegen Seen wie der Große Alpsee bei Immenstadt und der Grüntensee, dazwischen zieht sich die markante Nagelfluhkette. Im Süden dagegen die Hochalpen: Sonthofen, mit 741 Metern die südlichste Stadt Deutschlands, der Grünten mit 1738 Metern, wegen seiner vorgeschobenen Lage „Wächter des Allgäus" genannt, und dahinter die Gipfel über Oberstdorf.
Der südliche Sammelpunkt ist Oberstdorf am Ende der B19, von wo aus sich die Seitentäler wie Speichen verzweigen – Richtung Kleinwalsertal, ins Trettachtal und über die Höhen der Nagelfluhkette. Von hier führen die kürzesten Wege zurück zu den Rampen: der B19 folgend nach Norden ins Illertal, das als durchgehende Achse Sonthofen, Immenstadt und Kempten verbindet und die schnellen Anfahrten zu den Pässen im Süden trägt. Im Westen bildet Oberstaufen das Gegenstück: Dort setzt der Allgäuer Abschnitt der Alpenstraße an und führt am Fuß der Nagelfluhkette entlang, ehe er bei Immenstadt das Illertal erreicht.

Fahrerisch heißt das Abwechslung statt Monotonie. Die Höhenspanne reicht von rund 700 Metern im Illertal bis über 1400 Meter am Riedberg. Auf der Alpenstraße wechseln sich lange, einsehbare Bögen mit flüssigen Kuppen ab; an den Pass-Rampen wird es technisch, eng und steil. Dazwischen liegen ruhige Nebenstrecken durch Streuwiesen und Moore, auf denen sich das Tempo von selbst herausnimmt. Die Pass-Straßen sind gut ausgebaut, aber schmal; Gegenverkehr, Radfahrer und Weidevieh gehören zum Bild und setzen dem Tempo ihre eigenen Grenzen. Das Revier belohnt vorausschauendes Fahren mehr als hohe Kurvengeschwindigkeit.
Das Wetter am Alpenrand ist wechselhafter als im Flachland; kurze Schauer ziehen rasch durch und geben ebenso rasch wieder klare Sicht frei. Die hochgelegenen Täler um Balderschwang und Oberjoch halten Schnee länger, weshalb die klassische Saison vom späten Frühjahr bis in den Herbst reicht. Ein früher Start lohnt doppelt: Vormittags sind die Passstraßen leerer, und die Fernsicht auf die Kette ist am klarsten.
Was das Allgäu als Revier ausmacht, ist die Dichte auf kleinem Raum: benannte Pässe, Grenzschleifen nach Tirol und die durchgehende Alpenstraße als Faden, an dem sich alles auffädeln lässt – von der ausrollenden Landstraße im Moränenland bis hinauf zur höchsten Passstraße der Republik. In wenigen Stunden lassen sich Voralpenland, Hochpass und ein Abstecher nach Tirol zu einer einzigen Runde verbinden, ohne lange Anfahrten dazwischen.
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